Der Nationalrat hat am 18. März 2026 über die Stopfleber-Initiative sowie über den indirekten Gegenvorschlag seiner Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur (WBK-N) abgestimmt.
Obwohl Debatte und Abstimmung im Voraus weitgehend vorhersehbar schienen, sorgte es für Überraschung, dass sich zahlreiche Nationalrätinnen und Nationalräte für die Stopfleber-Initiative einsetzten. Die Genfer Sozialdemokratin Estelle Revaz, Berichterstatterin der WBK-N, eröffnete die Debatte mit einer Reihe von Argumenten – teilweise absurd oder falsch – gegen die Initiative, darunter die erwartete «Diskriminierung einer kulturellen Minderheit». Foie gras ist nämlich eine Spezialität, die hauptsächlich in der Westschweiz und in geringerem Masse im Tessin konsumiert wird. Die Mehrheit der Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer verzichtet darauf, in der Regel weil es sich um ein Produkt handelt, dessen Herstellung mit Tierquälerei verbunden ist. Für viele rechtfertigt dies den Verzicht auf den Konsum, auch wenn das Produkt als Delikatesse gilt. Der Genuss hat seine Grenzen – und in der Deutschschweiz sind diese zumindest beim Foie gras klar gezogen.
Egoistengraben
Werden wir im Falle einer Annahme der Initiative – wie mehrere Rednerinnen und Redner warnten – einen neuen Röstigraben erleben, der in den Debatten bereits als «Foiegraben» bezeichnet wurde und den man ebenso gut «Egoistengraben» nennen könnte? Die Bereitschaft eines Teils der Romandie, ein Produkt zu konsumieren, dessen Herstellung Tierleid verursacht, wirft jedenfalls Fragen auf. Letztlich haben zwar 105 Mitglieder des Nationalrates gegen die Initiative gestimmt, doch die positive Überraschung waren die 58 Stimmen dafür sowie die 21 Enthaltungen. Sie zeigen, dass das Thema Foie gras unter der Bundeshauskuppel zunehmend als entwicklungsfähig wahrgenommen wird.
Kulinarische Tradition oder Essgewohnheit?
Gehört Foie gras tatsächlich zur welschen Tradition, wie oft behauptet wird? Oder handelt es sich eher um ein Argument der Befürworter aus Angst, dieses Produkt könnte von unseren Tellern verschwinden?
Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2024 unterstützen 88 % der Schweizerinnen und Schweizer ein Importverbot für Foie gras, da das Stopfen als Tierquälerei gilt. 89 % der Deutschschweizer befürworten die Stopfleber-Initiative, während 65 % der Romands sie ablehnen. Das bedeutet jedoch auch, dass 35 % der Romands ein Verbot unterstützen. Im Gegensatz zu einer stillen Minderheit, die ebenfalls abstimmt, verschafft sich die Mehrheit Gehör. Ja, Foie gras wird mit grausamen Methoden hergestellt – dennoch wird es als Teil der kulturellen Identität einer Region gesehen, die Frankreich und seiner international bekannten, raffinierten Küche besonders nahe steht.
Dieses Produkt wurde in der Schweiz jedoch nie anders als in sehr kleinen Mengen hergestellt. Das Stopfen ist hier seit über 40 Jahren gesetzlich verboten – wegen der Gewalt gegenüber den Tieren. Auch die Importzahlen gemäss Bundeszollstatistik relativieren (1) die Vorstellung einer tief verwurzelten Tradition. Vor den 1990er-Jahren lagen die jährlichen Importe unter 100 Tonnen. Erst die Industrialisierung der Foie-gras-Produktion in Frankreich – insbesondere aufgrund grosser Maisüberschüsse – führte zu steigenden Exporten in die Schweiz. Ab den 2000er-Jahren überschritten die Importe 200 Tonnen, in den 2010er-Jahren erreichten sie beinahe 300 Tonnen. In den 2020er-Jahren gingen sie wegen Produktionsproblemen infolge der Vogelgrippe wieder auf etwa 200 Tonnen zurück.
Grafik: Importstatistik für Foie gras in der Schweiz seit 1988
Dass ein Teil der Romands Foie gras gerne konsumiert, ist unbestritten. Dennoch lässt sich daraus keine eigentliche «Tradition» ableiten – unabhängig davon, welchen kulinarischen Wert man dem Produkt zuschreibt. Und selbst wenn es eine Tradition wäre, müssen Traditionen sich weiterentwickeln, wie die sozialdemokratische Nationalrätin Anna Rosenwasser in der Debatte betonte.
Was den indirekten Gegenentwurf zur Stopfleber-Initiative betrifft, so wurde er mit 101 zu 77 Stimmen bei 5 Enthaltungen angenommen, wodurch sich die Behandlungsfrist der Initiative (2) bis zum 28. Juni 2027 verlängert. Es ist daher wenig wahrscheinlich, dass am 29. November 2026 eine Volksabstimmung stattfindet, wie dies im Abstimmungskalender vorgesehen war. Diese dürfte vielmehr entweder am 28. Februar oder am 6. Juni 2027 stattfinden, es sei denn, der Gegenentwurf zur Stopfleber-Initiative wird ausreichend verbessert, um die Parteien zufriedenzustellen und einen bedingten Rückzug der Initiative zu ermöglichen.
Die Initiative und der Gegenentwurf werden zur weiteren Behandlung an den Ständerat überwiesen.
Quelle :
1) Die Gesamtmenge der Foie-gras-Importe unter den Zolltarifnummern 0207.4300, 0207.4510, 0207.5300 und 0207.5510 kann auf dem Portal SwissImpex eingesehen werden.
2) Der Bundesrat und das Parlament verfügen über eine in der Parlamentsgesetzgebung (ParlG) festgelegte Höchstfrist, um eine Initiative zu behandeln, bevor sie einer Volksabstimmung unterbreitet wird.
Da die ordentliche Behandlungsfrist der Initiative Foie gras am 28. Dezember 2026 abläuft, hätte gemäss Abstimmungskalender spätestens am 29. November 2026 eine Volksabstimmung stattfinden müssen.
Da während der ordentlichen Behandlungsfrist ein Gegenentwurf zur Initiative Foie gras verabschiedet wurde, kann die Frist gemäss ParlG um sechs Monate verlängert werden, also bis zum 28. Juni 2027.

